Nach Verlüßmoor

Als wir gegen 8 Uhr abends aus dem Zuge steigen, erschrecken wir vor der Schwärze der Nacht, die bereits herrscht. Kein Monden- und kein Sternenlicht, und wir zu zweit auf der dunkelen Landstraße. Wenn wir die Schritte eines Fußgängers hören, ziehen wir die Taschenlampen hervor, um zu sehen, ob Freund oder Feind. Einer, der langsam am Straßenrande vor uns ausschreitet, erregt gar unseren Schrecken, und das kleine Licht muß ihn beständig bescheinen. Doch was ist das? Das Lämpchen versagt und lässt uns wieder im Dunkeln. Bald müssen wir abbiegen.

- Ist das der Weg?
- Ja.
- Weiß du eigentlich, wo und wann wir abbiegen müssen?
- Nein.
- Ich auch nicht.

Plötzlich wird der Boden unter uns so weich. Was? Nun haben wir den Weg verloren und gehen auf Wiesen. Wenn nun ein Graben käme? Wir fassen uns an und gehen Schritt für Schritt vorwärts, immer tastend. Drüben brennt ein Licht, also drauf los! Und nun über Hecken und Knicks vorsichtig dem Licht entgegen. Es kommt aus einer Wirtschaft. Wir gehen hinein und fragen nach dem Ort, dem Weg, und einer Laterne; doch die haben sie nicht. Zwei alte Bauern kommen aus der Gaststube, um ihren Heimweg anzutreten.

"Wo wät ji denn hen?"
"Nach Verlüßmoor (verlassenes Moor.)"
"Na'n Verlüß! Dor komt ji von' Abend nech mer hen."

Der eine wohnt im letzten Hause des Dorfes, natürlich gehen wir mit, und der andere biegt bald ab. Unser Begleiter - er hat eine Laterne (Moorbewohner gehen überhaupt nicht ohne Licht im Dunkeln) - ist ein siebzigjähriger rüstiger Bauer; nur das Gehen fällt ihm schwer. Bald nehmen wir ihm sein Päckchen und die Lampe ab. Als wir an sein Häuschen kommen, kläfft uns der Hund an, die zwölfjährige Enkelin macht uns die Tür auf, die Bäuerin sitzt in der Stube und spinnt. Der alte weiß uns Rat, er holt eine alte Stall-Laterne, gießt Öl darauf, putzt sie und gibt sie uns. - Nun braucht er ja keine Angst mehr zu haben, dass wir einen Moorgraben geraten. Ob wir den Weg wüssten? Wir sagten ja und gehen, gehen so ungern aus der warmen, sicheren Stube. - Draußen scheint es noch schwärzer als zuvor. - Nun geht's ins Moor. Der Weg ist naß und holperig, in den Gräben gurgelt das Wasser. Den ersten Abweg finden wir. Doch wie seltsam, der teilt sich ja! Dies muß der Rechte sein - nun weiter! Und immer geradeaus führt uns der Weg, deuchte uns so grenzenlos lang; rechts Wasser, links Wasser; bis an die Knöchel sinken wir in den Schlamm. - Den ersten Seitenweg links! - Nach und nach gelangen wir auf ein Gehöft. Verkehrt, zurück und wieder den langen schwarzen Weg entlang. Wenn wir nur an die Brücken kämen! Da steigt mit einemmal etwas noch Schwärzeres vor uns auf! Die erste Brücke, dann die zweite und die dritte mit dem fehlenden Brett. Der Weg wird immer schlammiger. Hallo-o, Hallo-o! Gott sei Dank! Sie antworten. Ein ganz kleines Lichtchen gewahren wir, wohl von einer Taschenlampe; nun sind wir dicht am Ziel. Die drei andern haben schon seit einer Stunde mit bangem Gefühl auf uns gewartet. Jetzt die letzten Schwierigkeiten.

- Geht oben herum!
- Wir gehorchen.
- Haltet euch rechts, links das Wasser!
- Wir tun's.
- Weiter links jetzt!
- Nun erkennen wir die Gestalten; noch zwanzig Schritte, und wir sind drinnen im Landheim und sitzen bei dem traulichen Lichtschein und erzählen, erzählen.


Bremen
Lotte Boesking

Quelle:
Wandervogels Fahrtenschatz
Herausgegeben von H. Wolff
Julius Zwiklers Verlag
Wolfenbüttel 1917

 
 

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