Erster Besuch der Geschwister Scholl im Sommer1938 / Widerstand gegen die Nationalsozialisten vom
"Haus im Schluh" aus
Vor 60 Jahren wurden die Geschwister Scholl, Mitglieder der Widerstandsgruppe "Weiße Rose", im Münchner
Gefängnis Stadelheim hingerichtet. Hans und Sophie Scholl hatten mit Flugblättern zum Widerstand gegen die
Nazis aufgerufen. Unser Mitarbeiter Ernstheinrich Meyer-Stiens blickt zurück auf einen Besuch der Schwestern
Sophie und Inge Scholl in Worpswede.
Worpswede, Sommer 1938. Zwei junge Mädchen kommen mit dem Rad in das Künstlerdorf, das sich zwischen den
Weltkriegen zum Wallfahrtsort der deutschen Jugendbewegung entwickelt hat. Sie haben nur mit Mühe ein Bett
in der Worpsweder Jugendherberge erhalten, die, gebaut 1931, bis heute zur meistfrequentierten
Jugendherberge Deutschlands zählt. Waren bis 1933 aus ganz Deutschland gern Jugendgruppen der
"Bündischen Jugend" mit für sie typischem Wimpel, Rucksack, Kothenzelt und Hordentopf in Richtung Worpswede
"auf Fahrt" gegangen, so sah man nach ihrem Verbot im NS-Deutschland nur die Fahnen und gleichen Uniformen
der jetzt einzig noch gestatteten Jugendorganisation von Hitler-Jugend (HJ) und Bund Deutscher Mädel (BDM).
Als die Herbergsmutter Ötken die beiden Mädchen nach ihren Namen fragte, antworteten sie:
"Inge und Sophie Scholl". Die Schwestern waren 1934 in den BDM eingetreten, weil sie zunächst meinten, dass
die Erziehungsziele der "Bündischen Jugend" mit denen der Hitler-Jugend übereinstimmten. Zweifellos hatte
die HJ nahezu alle Formen und Aktivitäten der Bündischen Jugend wie Fahrten, Lager, jugendliches
Gemeinschaftserleben und Kameradschaftsgeist übernommen - außer den Erziehungsidealen der Jugendbewegung
im Sinne der "Hohen-Meißner-Erklärung von 1913". Dass die Scholls darüber total getäuscht wurden, hatten
sie einige Monate vor ihrer Worpsweder Fahrt zu spüren bekommen.
Die Geschwister Hans, Werner, Inge und Sophie Scholl waren 1937 allesamt als Sympathisanten oder
Mitglieder der verbotenen "Bündischen Jugend" verhaftet worden. Diese Erfahrung staatlicher Gewaltanwendung
zur Unterdrückung persönlicher Freiheit öffneten einer Sophie Scholl erst allmählich die Augen. In dem
Elan der Jugendbewegung empfanden sie fortan ihre Verantwortung für sich und andere, weil sie wussten:
Wo das Gespräch aufhört, beginnt die Diktatur.
So waren sie ständig darauf aus, für ihren nicht "gleichgeschalteten" Gedankenaustausch entsprechende
Gesinnungsgenossen zu suchen, egal ob es sich um Andersdenkende oder Vertreter der älteren Generation
handelte. Sie fanden sie 1938 besonders in zwei Worpswedern, die ihnen als bewusste Freunde der
Jugendbewegung bekannt waren: Manfred Hausmann und Martha Vogeler, Frau des berühmten
Jugendstil-Künstlers. Der Schriftsteller und die Handweberin - beide den Idealen der Jugendbewegung
zugetan - hatten im Dritten Reich gastfreie Häuser für die HJ und mehr noch für die nicht "erfasste"
Jugend. Nachweislich hinterließen diese Begegnungen und Dichterlesungen bei vielen jungen Menschen
ideelle Langzeitwirkungen, weil sie jedem Denkverbot und massivster Propaganda der NS-Ideologie trotzten.
Vom NS-Regime 1943 hingerichtet: Hans Scholl (links), Sophie Scholl und Christoph Probst.
Sophie Scholl, die im August 1939 erneut nach Worpswede kam, diesmal mit ihrem Freund Fritz Hartnell,
schrieb an ihre Schwester Inge von beglückenden Eindrücken, die sie mit ihren Besuchen bei Manfred
Hausmann und Martha Vogeler vermittelt bekamen: "Wir waren schon öfters in der Weberei bei Frau
Vogeler, sie ist eine sehr freundliche Frau, und wir dürfen kommen, wann wir wollen. Es ist interessant
bei ihr, es gibt viel zu sehen." Neu zu sehen lernte sie nicht nur missliebige Literatur, sondern neben
Heinrich Vogelers Bildern vor allem die Kunst der Paula Modersohn-Becker, die Hitler gerade für
"entartet" und "undeutsch" erklärt hatte. "Dagegen hat mich Paula Modersohn hell begeistert, ich
verehre sie richtiggehend. Sie hat sich in ihren Bildern nach niemand gerichtet."
Nach dem Alleingültigkeitsanspruch der Nazis wollte auch Sophie Scholl sich nicht richten und las
unbeirrt zwei verbotene Bücher. Als diese in ihrem Zimmer gefunden wurden, zeigte sie ein fanatischer
Zeitgenosse bei der Polizei an. Darauf warnte die Herbergsmutter Sophie, und diese verließ vorzeitig
die Worpsweder Jugendherberge.
Geprägt von ihren christlichen Maßstäben wollte die Studentin zusammen mit ihrem Bruder Hans und anderen
Kommilitonen nach dem sinnlosen Untergang der 6. Deutschen Armee in Stalingrad nicht mehr schweigen.
Unter dem Titel "Weiße Rose" verteilten sie ihre Flugblätter, in denen sie die Deutschen aufklärten
über die Morde an Geisteskranken und Juden, über die Gräueltaten in Hitlers Krieg im Osten und über
das gottlose Gewalt-System der NS-Machthaber. Mit ihren Aufrufen "zum passiven Widerstand" drangen
sie bis nach Norddeutschland, wo nach München auch in Hamburg sich alsbald eine weitere Gruppe
"Weiße Rose" bildete. Hamburger Mitglieder dieser studentischen Opposition stießen in ihrer Suche
nach Gleichgesinnten auf einen Ort, der im totalen Uberwachungs-Staat zur Geheimhaltung geeignet
schien: Martha Vogelers Worpsweder Wohnsitz "Im Schluh". Dort fand Pfingsten 1943 ein konspiratives
Treffen der Hamburger "Weißen Rose" statt. Nach der Hinrichtung der Geschwister Scholl am 22.
Februar 1943 wollten die Teilnehmer "nun erst recht" ins deutsche Volk wirken.
Wochen später deckte die Gestapo den Worpsweder Unterschlupf auf und überwachte seitdem ständig
das "Haus im Schluh", dessen Besitzerin angeblich keine Namen zu sagen wusste. Was Martha Vogeler
gedeckt hatte, erfuhr die Gestapo jedoch von einem anderen Studenten durch Folterungen, bis sie
fast alle Mitglieder der "Weißen Rose" verhaftet hatte. Bei einem der Schauprozesse gegen die
Frauen und Männer der "Weißen Rose" brachte es der Scharfrichter Freisler fertig, das ihm von
einem Beisitzer zugereichte Strafgesetzbuch in den Zuhörerraum zu schleudern: "Wir brauchen kein
Gesetz. Wer gegen uns ist, wird vernichtet."
So geschehen vor 60 Jahren an Menschen, die sich bewusst an Worten des
Philosophen Theodor Haecker (1879-1945) orientierten, die für uns Nachgeborene als
Vermächtnis von Sophie Scholl und ihrer Gleichgesinnten gelten: "Die Geschichte geht
weiter. Was geschehen muss, geschieht. Zu lange Pausen sind uns nicht erlaubt. Wenn die,
die es eigentlich tun sollten, es nicht tun, tun es eben andere - aber anders."